Tapezieren lassen: So läuft es ab – vom Untergrund bis zur letzten Bahn
Ob eine Tapete Jahre hält oder sich an den Nähten löst, entscheidet sich nicht beim Kleben, sondern vorher: beim Entfernen der alten Bahnen, beim Spachteln und beim Grundieren. Hier lesen Sie, wie eine Tapezierarbeit fachgerecht abläuft – Schritt für Schritt.
Der Untergrund entscheidet über das Ergebnis
Eine Tapete ist immer nur so gut wie die Wand darunter. Der Untergrund muss trocken, fest, sauber und gleichmäßig saugfähig sein. Sitzt darunter noch eine alte Lage, die sich beim Einweichen löst, oder saugt die Wand den Kleister ungleichmäßig weg, zeigen sich die Folgen erst nach dem Trocknen: offene Nähte, Blasen, sich abzeichnende Flicken. Deshalb steckt bei einer sauberen Tapezierarbeit der größte Teil der Zeit in der Vorbereitung – das eigentliche Ankleben ist der kürzeste Schritt.
Schritt 1: Alte Tapete entfernen
Neue Tapete gehört auf eine tapetenfreie Wand. Vliestapeten lassen sich meist trocken in ganzen Bahnen abziehen. Papier- und Raufasertapeten werden mit warmem Wasser und etwas Tapetenlöser eingeweicht und nach ausreichender Einwirkzeit abgeschoben; mehrfach überstrichene Lagen werden vorher mit einer Stachelwalze perforiert, damit das Wasser überhaupt hinter die Farbschicht kommt. Hartnäckig wird es, wenn viele Anstriche oder mehrere Tapetenlagen übereinanderliegen – dann hilft nur Geduld oder ein Dampfgerät. Ob sich alte Raufaser überhaupt noch einmal überstreichen lässt statt sie zu entfernen, ist eine eigene Abwägung – mehr dazu unter Raufaser überstreichen oder entfernen.
Schritt 2: Spachteln und grundieren
Nach dem Entfernen zeigt sich der wahre Zustand der Wand: Dübellöcher, ausgerissene Stellen, Reste alten Kleisters. Schadstellen werden gespachtelt und geschliffen; wie glatt die Fläche werden muss, hängt von der geplanten Tapete ab. Für Raufaser genügt eine solide Grundverspachtelung, glatte Vlies- und erst recht Designtapeten brauchen eine höhere Qualitätsstufe – die Unterschiede erklärt der Beitrag zu den Spachtel-Qualitätsstufen Q1 bis Q4.
Anschließend wird die Saugfähigkeit geregelt: Stark oder ungleichmäßig saugende Untergründe erhalten einen Tiefen- oder speziellen Tapeziergrund, damit der Kleister nicht sofort sein Wasser verliert und die Tapete beim nächsten Renovieren wieder gut abgeht. Wann welche Grundierung passt, steht unter Wände grundieren: wann und womit.
Schritt 3: Ausmessen, Zuschnitt und Rapport
Vor dem Zuschnitt werden Wandhöhe und -breite genau gemessen. Jede Bahn bekommt oben und unten einige Zentimeter Zugabe, die nach dem Ankleben sauber abgeschnitten werden. Bei Mustertapeten kommt der Rapport dazu: Das Muster muss von Bahn zu Bahn anschließen, je nach Versatz entsteht dabei planbarer Verschnitt. Wichtig ist außerdem, dass alle Rollen aus derselben Fertigungscharge stammen – sonst sind feine Farbunterschiede zwischen den Bahnen möglich. Wie viele Rollen ein Raum braucht, schätzt der Tapetenrechner vorab ab.
Schritt 4: Bahn für Bahn auf Stoß
Die erste Bahn wird nach Lot oder Laser exakt senkrecht ausgerichtet – Wände und Ecken sind selten gerade, und jeder Fehler der ersten Bahn wandert sonst durch den ganzen Raum. Bei Vliestapeten wird der Kleister gleichmäßig auf die Wand gerollt und die trockene Bahn eingelegt; Papiertapeten werden eingekleistert, zusammengelegt und müssen ihre Weichzeit einhalten, damit sich das Papier vor dem Kleben ausdehnt. Geklebt wird auf Stoß, also Kante an Kante ohne Überlappung. Die Bahn wird blasenfrei angedrückt, die Naht mit dem Nahtroller geschlossen, überstehende Ränder werden an Decke und Sockelleiste mit frischer Klinge abgeschnitten. An Innenecken wird die Bahn nicht um die Ecke gezogen, sondern geschnitten und neu angesetzt – sonst entstehen Falten. Abdeckungen von Steckdosen und Schaltern nehme ich vorher ab und schneide die Öffnungen passgenau nach; das gehört bei abgeschalteter Sicherung gemacht.
Trocknen lassen – aber richtig
Frisch tapezierte Räume brauchen gleichmäßige, moderate Wärme und vor allem: keine Zugluft. Wer direkt nach dem Tapezieren querlüftet oder die Heizung hochdreht, entzieht dem Kleister zu schnell das Wasser – die Spannung reißt die Nähte auf. Ein bis zwei Tage normal temperiert trocknen lassen ist die sichere Variante; erst danach wird wieder normal gelüftet und geheizt.
Selbst machen oder machen lassen?
Eine Raufaserwand mit gutem Untergrund ist für geübte Heimwerker machbar. Anspruchsvoll wird es bei glatten Tapeten und Sichtlicht, bei Mustern mit Rapport, an hohen Wänden und in Treppenhäusern – und immer dann, wenn der Untergrund erst aufgebaut werden muss. Als Malermeisterin übernehme ich Tapezierarbeiten komplett: vom Entfernen der alten Tapete über Spachtel- und Grundierarbeiten bis zur letzten Bahn, auf Wunsch mit anschließendem Anstrich. Bei großformatigen Motiven gelten noch einmal eigene Regeln – dazu mehr im Beitrag Fototapete anbringen lassen.
Kann man einfach auf die alte Tapete tapezieren?
In den meisten Fällen nein. Unter der neuen Bahn weicht der Kleister die alte Tapete wieder an – wirft sie dann Blasen oder löst sie sich, nimmt sie die neue Lage gleich mit. Nur wenn eine einzelne, dünne Lage vollflächig fest sitzt, kann Übertapezieren im Einzelfall vertretbar sein. Die sichere Grundlage ist ein tapetenfreier, tragfähiger Untergrund.
Wie lange dauert das Tapezieren eines Zimmers?
Das hängt weniger vom Kleben selbst ab als von der Vorbereitung: Muss die alte Tapete runter und die Wand gespachtelt werden, ist das der größte Teil der Arbeit. Ein normales Zimmer mit unkompliziertem Untergrund ist meist in ein bis zwei Arbeitstagen fertig, mit umfangreichen Vorarbeiten entsprechend länger.
Worin unterscheiden sich Vlies- und Papiertapete bei der Verarbeitung?
Bei Vliestapete wird der Kleister direkt auf die Wand gerollt und die trockene Bahn hineingelegt – ohne Weichzeit, und beim Renovieren lässt sich Vlies meist trocken wieder abziehen. Papiertapeten wie Raufaser werden dagegen eingekleistert und müssen erst einweichen, damit sich das Papier dehnt; wer die Weichzeit nicht einhält, bekommt später offene Nähte oder Blasen.
Warum lösen sich Tapeten an den Nähten?
Häufige Ursachen sind ein stark oder ungleichmäßig saugender Untergrund, der dem Kleister zu schnell das Wasser entzieht, zu wenig Kleister an der Kante, nicht eingehaltene Weichzeit bei Papiertapeten – oder zu schnelles Trocknen durch Zugluft und volle Heizung. Deshalb gehören Grundierung und geduldiges Trocknen zum Tapezieren dazu.
Muss vor dem Tapezieren grundiert werden?
Auf frisch verputzten, gespachtelten oder stark saugenden Wänden ja: Ein Tiefen- oder Tapeziergrund regelt die Saugfähigkeit, damit der Kleister in Ruhe abbinden kann, und erleichtert beim nächsten Renovieren das Abziehen. Bei kräftig gemusterten oder durchscheinenden Tapeten sorgt ein heller, gleichmäßiger Grund zusätzlich dafür, dass sich der Untergrund nicht abzeichnet.
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